Der Mensch, von Natur aus, hat ein tiefes und ursprüngliches Bedürfnis dazuzugehören. Der Wunsch, Teil einer Gruppe zu sein, ist einer der stärksten Motivatoren für unser Verhalten. Dieses Bedürfnis nach Zusammenhalt, das in primitiven Gesellschaften begann, die gemeinsame Regeln zum Überleben brauchten, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem komplexen System von «verborgenen Regeln». Mit der Entstehung der ersten Zivilisationen und der Religion erhielten diese ungeschriebenen Regeln eine Struktur. Der Glaube an eine höhere Macht, die überwacht und bestraft, verstärkte die soziale Konformität. Das «Normale» war nicht mehr nur das, was das Überleben sicherstellte, sondern das, was in den Augen Gottes oder des Gesetzes «moralisch richtig» war. In dieser Phase wurde die Angst vor göttlicher Bestrafung zu einem der mächtigsten Kontrollmechanismen. In der modernen Ära wurden die Institutionen der Religion durch andere ergänzt, wie den Staat und die Massenbildung. Die Menschen lernten, sich nicht nur mit ihrem Nachbarn zu vergleichen, sondern auch mit einem abstrakten, idealen Vorbild, das von den neuen Strukturen gefördert wurde. So ist das «virtuelle Phantom», das zu Vergleichen und Angst führt, nichts Neues, sondern die jüngste Version eines historischen Prozesses der Durchsetzung von Normalität.

Das falsche Vorbild und der Kampf um Perfektion Nachdem die gesellschaftlichen Institutionen diesen Rahmen der Normalität geschaffen hatten, bestand der nächste Schritt darin, zu definieren, was es genau bedeutet, «normal» zu sein. So entstand ein falsches Vorbild —ein «virtuelles Phantom» der Perfektion—, das unaufhörlich durch die Massenmedien, die Bildung und die gesellschaftlichen Erwartungen projiziert wird. Der Vergleich unseres wahren Selbst mit diesem unerreichbaren Ideal ist nicht mehr eine Wahl, sondern ein fast obligatorischer Prozess. Dieser Vergleich ist jedoch ein von vornherein verlorener Kampf, da dieses Ideal nichts anderes als ein abstraktes Konzept ist, ein Bild ohne Substanz. Der Versuch, dieses nicht existierende Maß zu erreichen, führt uns in einen endlosen, nervenaufreibenden Kampf um Perfektion. In diesem Kontext wird jede Abweichung von der Norm nicht einfach als Andersartigkeit, sondern als Scheitern betrachtet.

Der Mechanismus aus Angst und Schuld Um die Konformität mit diesem falschen Vorbild durchzusetzen, setzen Institutionen zwei der mächtigsten psychologischen Werkzeuge ein: Angst und Schuld. Die Angst vor Ablehnung, Isolation oder sogar Bestrafung wird zum Wächter des «Normalen». Dogmatische Überzeugungen, unabhängig vom Kontext, schaffen ein Wertesystem, das «Gut» und «Böse» definiert. In diesem System wird jede Abweichung von der Norm direkt als «Sünde» oder «moralische Unzulänglichkeit» ausgelegt. (Dieses Konzept der sozialen Konformität ist ein grundlegendes Thema der Soziologie und Psychologie.) Dieser Prozess schafft eine tief verwurzelte innere Schuld bei jedem, der den Anforderungen des Systems nicht entsprechen kann oder will. Diese Schuld entsteht nicht aus einer tatsächlichen schädlichen Handlung, sondern aus dem Versagen, nach einem imaginären, fiktiven Ideal zu leben, das einem auferlegt wird. Dieser andauernde Kampf kann zu schwerwiegenden psychologischen Folgen führen, da die Person die Überzeugung verinnerlicht, von Natur aus fehlerhaft zu sein.

Die Revolution der Wahrheit Die Erkenntnis, dass das «virtuelle Phantom» der Perfektion und die Mechanismen von Angst und Schuld nichts anderes als künstliche Konstruktionen sind, ist der erste Schritt zur Freiheit. Es ist ein Kampf, der seine Wurzeln in der Antike hat, seit der Zeit Platons, dessen idealer Staat, wie in seinem Werk «Der Staat» beschrieben, eine perfekte soziale Struktur anstrebte, in Wirklichkeit aber die individuelle Wahrheit zugunsten der kollektiven Harmonie einschränkte. Heute muss unsere Kritik schärfer sein. Der Philosoph Michel Foucault, einer der bemerkenswertesten Denker des 20. Jahrhunderts, lehrte uns, dass unsere Institutionen—von Schulen bis zu Gefängnissen—nicht nur Orte des Wissens oder der Bestrafung, sondern Mechanismen sind, die «Normalität» hervorbringen (Foucault, «Überwachen und Strafen», 1975). Die wahre Revolution liegt also nicht im Aufstand gegen die Welt, sondern in der Änderung unserer Perspektive. Die Befreiung kommt, wenn man aufhört, sich mit einem Phantom zu vergleichen. Der Kampf um die Wahrheit wird nicht mit der Normalität, sondern mit unserem eigenen Selbst geführt. Was ist der Preis deiner authentischen Existenz und was ist der Preis perfekter Konformität? Die absolute Wahrheit liegt in keiner Regel, sondern in deiner ehrlichen Antwort auf diese Frage.


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