Die tiefgründige Botschaft von Gabor Maté, die das Suchtparadigma in Frage stellt
Jahrzehntelang wurde die vorherrschende Ansicht über Sucht oft von moralischen Urteilen und der Vorstellung von persönlicher Schwäche oder einer „schlechten Wahl“ geprägt. Süchtige Menschen wurden oft als moralisch unzulänglich, willensschwach oder einfach als „schlecht“ angesehen, die sich für einen destruktiven Lebensstil entschieden hatten. Die Gesellschaft und oft auch das Gesundheitssystem selbst konzentrierten sich auf Bestrafung, Isolation und Unterdrückung, anstatt auf Verständnis und Heilung.
Dr. Gabor Maté, ein anerkannter Arzt, Autor und Forscher, hat einen Großteil seines Lebens der Arbeit mit Menschen gewidmet, die unter schweren Süchten leiden, einschließlich Drogenkonsumenten in Hochrisikogebieten. Durch seine klinische Erfahrung und umfangreiche Forschung entwickelte Maté eine radikale, aber zutiefst mitfühlende Theorie, die das traditionelle Paradigma direkt in Frage stellt.
Im Kern seiner Theorie steht die Überzeugung, dass Sucht weder ein moralisches Versagen noch eine angeborene „Gehirnkrankheit“ ist, wie oft dargestellt wird. Stattdessen argumentiert Maté, dass Sucht eine Anpassung ist, ein Versuch, Probleme zu lösen, ein verzweifelter Versuch, den tiefen, zugrunde liegenden Schmerz zu lindern, der fast immer aus einem Trauma stammt.
In diesem Artikel werden wir die Kernprinzipien von Gabor Matés Theorie untersuchen und uns auf die untrennbare Verbindung zwischen Trauma, Gehirnentwicklung und Sucht konzentrieren und wie dieser Ansatz die Art und Weise verändert, wie wir Sucht wahrnehmen, behandeln und heilen.
Sucht als Versuch der Selbstlinderung: “Warum der Schmerz?”
Dr. Maté definiert Sucht nicht nur als Abhängigkeit von Substanzen, sondern als jedes Verhalten, das einer Person vorübergehende Freude oder Linderung verschafft, nach der sie sich sehnt und die sie trotz der negativen langfristigen Folgen nicht aufgeben kann. Diese breite Definition umfasst nicht nur Drogen und Alkohol, sondern auch Verhaltenssüchte wie Glücksspiel, Essen, Sex, Arbeit, Internet, Einkaufen und sogar Fanatismus oder Beziehungsabhängigkeit.
Für Maté lautet die zentrale Frage nicht „Warum die Sucht?“, sondern „Warum der Schmerz?“. Sucht, unabhängig von ihrer Form, ist ein Versuch, emotionalen und seelischen Schmerz zu bewältigen oder zu entkommen. Substanzen oder Verhaltensweisen bieten ein flüchtiges Gefühl von Erleichterung, Kontrolle oder Verbindung, das im Leben der Person fehlt.
Wie funktioniert diese Linderung? Süchtig machende Substanzen und Verhaltensweisen aktivieren künstlich die Belohnungszentren des Gehirns und setzen Neurotransmitter wie Dopamin frei. Für jemanden, der chronischen Schmerz erlebt, kann diese künstliche Stimulation ein Rettungsanker sein, ein vorübergehender Ausweg aus einem unerträglichen inneren Zustand. Der Süchtige wählt nicht bewusst die Selbstzerstörung, sondern wählt in Wirklichkeit die Linderung des Schmerzes.
Auf einer tieferen Ebene deutet Maté an, dass die menschliche Natur mit Leere und absoluter Freiheit kämpft. Wenn die inneren Quellen von Sicherheit, Sinn und authentischer Verbindung fehlen, die oft durch Trauma gestört sind, kann „Freiheit“ beängstigend werden und eine unerträgliche existenzielle Leere schaffen. Diese Leere versucht dann verzweifelt, mit allem gefüllt zu werden, was ein Gefühl von Struktur, Identität, Verbindung oder Linderung bietet – und hier können Süchte oder extreme Bindungen auftreten.
Trauma: Die unsichtbare Kraft hinter der Sucht
Das zentrale Argument von Gabor Matés Theorie ist, dass die primäre Wurzel der Sucht Trauma ist. Maté meint damit nicht nur schwere, offensichtliche Traumata wie körperlichen oder sexuellen Missbrauch. Seine Definition von Trauma ist viel breiter und umfasst:
- Entwicklungstrauma (Developmental Trauma): Dies bezieht sich auf anhaltende oder wiederkehrende widrige Erlebnisse in der Kindheit, die eine gesunde emotionale Entwicklung und den Aufbau sicherer Bindungen stören. Es umfasst Vernachlässigung, emotionale Nichtverfügbarkeit der Eltern, das Fehlen emotionaler Regulierung durch Bezugspersonen oder das Gefühl von Ablehnung und Einsamkeit, selbst in einer scheinbar „normalen“ Umgebung. Für ein Kind ist es ein Trauma, wenn seine grundlegenden Bedürfnisse nach Sicherheit, Verbindung und emotionaler Regulierung nicht erfüllt werden.
- Kollektives/Erbintrauma: Traumata, die über Generationen weitergegeben werden, wie jene, die Bevölkerungsgruppen aufgrund von Krieg, Völkermord oder systematischer Unterdrückung erleiden (z. B. das Trauma indigener Völker).
- Trauma ist nicht das Ereignis, sondern seine Auswirkung: Maté betont, dass Trauma nicht das ist, was dem Individuum passiert ist, sondern die innere „Wunde“, die es im psychischen und Nervensystem als Folge eines Erlebnisses hinterlässt, das die Fähigkeit der Person überfordert hat, es zu bewältigen und zu verarbeiten.
Wie Trauma zu Sucht führt:
- Gestörte Gehirnentwicklung: Trauma in der Kindheit, insbesondere das Fehlen sicherer Bindung und emotionaler Regulierung, beeinträchtigt die Entwicklung kritischer Gehirnregionen, wie des präfrontalen Kortex (verantwortlich für Selbstregulierung, Impulskontrolle und Entscheidungsfindung) und des Belohnungssystems. Dies macht eine Person anfälliger für die Suche nach externen Mitteln zur Linderung von Schmerz.
- Unfähigkeit zur Selbstregulierung: Kinder, die Trauma erleben, lernen keine gesunden Wege, ihre Emotionen zu regulieren. Sie entwickeln nicht die inneren Quellen für Ruhe und Sicherheit. Als Erwachsene greifen sie bei emotionalem Schmerz auf externe Mittel (Süchte) zurück, um ihren inneren Zustand zu verändern, da sie nicht die Fähigkeit entwickelt haben, dies selbst zu tun.
- Trennung und Einsamkeit: Trauma führt oft zu einem Gefühl der Trennung von sich selbst (den eigenen Emotionen, dem Körper) und von anderen. Sucht kann zwar ein flüchtiges Gefühl der Verbindung vermitteln, verstärkt aber letztendlich die Einsamkeit und Isolation.
Maté weist darauf hin, dass Menschen, die mit Sucht kämpfen, nicht einfach „schlechte“ Menschen sind, sondern Menschen, die leiden. Ihr Verhalten ist eine Reaktion auf unerträgliche Umstände, nicht eine freie Wahl.
Der mitfühlende Ansatz und der Weg zur Heilung
Basierend auf seiner Theorie, dass Sucht aus Schmerz und Trauma resultiert, befürwortet Gabor Maté einen radikal anderen Ansatz in der Therapie. Anstatt zu fragen „Warum die Sucht?“, müssen wir fragen „Was ist dieser Person widerfahren?“ und „Warum hat sie Schmerzen?“.
Grundprinzipien von Matés therapeutischem Ansatz:
- Mitgefühl und Nicht-Urteilen: Es ist unerlässlich, Menschen mit Sucht mit Mitgefühl, Verständnis und Respekt zu begegnen und zu erkennen, dass ihr Verhalten ein Überlebensversuch ist. Bestrafung und moralisches Urteilen verstärken nur den Schmerz und die Scham und treiben die Person tiefer in die Sucht.
- Erkennung und Heilung des Traumas: Die Therapie muss sich auf die Bearbeitung und Heilung des zugrunde liegenden Traumas konzentrieren. Dies erfordert die Erforschung früherer Erfahrungen, unterdrückter Emotionen und Überzeugungen, die als Reaktion auf das Trauma entstanden sind.
- Verbindung als Heilung: Trauma schafft Trennung. Die Therapie muss sichere und authentische Beziehungen schaffen, die es der Person ermöglichen, wieder eine Verbindung zu sich selbst, ihren Emotionen und anderen zu spüren. Das Fehlen von Verbindung ist eines der Hauptelemente, die zu Sucht führen.
- Selbstentdeckung und Bewusstsein: Methoden wie die von Maté entwickelte Compassionate Inquiry (Mitfühlende Untersuchung) helfen Menschen, die unbewussten Dynamiken, verborgenen Annahmen und körperlichen Zustände zu entdecken, die aus dem Trauma resultieren. Ziel ist es, die Geschichten hinter ihrem Verhalten ans Licht zu bringen und sich des Schmerzes bewusst zu werden, den sie zu lindern versuchen.
- Entwicklung von Selbstregulierungsfähigkeiten: Während das Trauma heilt, können die Personen neue, gesunde Wege lernen, ihre Emotionen zu bewältigen, ohne auf süchtiges Verhalten zurückzugreifen.
Maté argumentiert, dass unsere Gesellschaft selbst süchtig nach der Idee von Unterdrückung und Bestrafung geworden ist, anstatt die Wurzeln des menschlichen Leidens tiefer zu betrachten. Die Verlagerung des Paradigmas von „Was ist mit Ihnen falsch?“ zu „Was ist Ihnen widerfahren?“ ist der Schlüssel zur wahren Heilung und zur Befreiung von den Fesseln der Sucht.
Von Scham zu Verständnis und Heilung
Die Theorie von Dr. Gabor Maté über Trauma und Sucht bietet eine zutiefst menschenzentrierte und wissenschaftlich fundierte Perspektive. Sie wendet sich von vereinfachenden Erklärungen und moralischen Urteilen ab und lädt uns ein, Sucht als eine Folge von menschlichem Schmerz und Trennung zu sehen, die oft in unverheilten Kindheitstraumata verwurzelt sind.
Seine zentrale Botschaft ist klar: Sucht ist keine Wahl, sondern ein verzweifelter Versuch, in einer Welt zu überleben, die oft nicht die notwendige Sicherheit und Verbindung für eine gesunde Entwicklung bietet. Mitgefühl, Empathie und ein traumabewusster Ansatz sind nicht nur freundliche Gesten, sondern die notwendigen therapeutischen Werkzeuge, um Menschen zu helfen, ihre Wunden zu heilen und sich aus dem Kreislauf der Sucht zu befreien.
Indem wir anerkennen, dass Schmerz die treibende Kraft hinter der Sucht ist, können wir den Fokus von Bestrafung auf Heilung verlagern. Dies betrifft nicht nur Menschen, die als „süchtig“ bezeichnet werden, sondern die gesamte Gesellschaft, da es uns auffordert zu untersuchen, wie unsere eigenen Gemeinschaften und Kulturen zu Schmerz und Trennung beitragen. Die Heilung von Sucht ist letztendlich die Heilung von Trauma, und die Heilung von Trauma ist ein Akt der Verbindung, des Verständnisses und der Liebe.
Quellen und Referenzen
- Maté, G. (2008). In the Realm of Hungry Ghosts: Close Encounters with Addiction. North Atlantic Books.
- Maté, G. (2022). The Myth of Normal: Trauma, Illness, & Healing in a Toxic Culture. Avery.

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