Oft wird uns gesagt, das Leben sei einfach, dass “wir gut sind, so wie wir sind”. Diese Annahme kann jedoch eine gefährliche Vereinfachung der Realität sein. Arthur Schopenhauer, einer der mutigsten Denker, die je auf dieser Erde wandelten, hat uns diesen überflüssigen Gefallen nicht getan. Er zeigte uns, dass Leid vielleicht nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Dass Unglück das grundlegende Merkmal der Existenz selbst ist.
Diese Idee mag schockierend wirken, aber sie lädt uns ein, eine tiefere Wahrheit ins Auge zu fassen.
Dieses Phänomen nannte Schopenhauer den „Willen“. Es ist eine blinde, sinnlose Kraft, die uns zu endlosen Wünschen und schließlich zum Unglück treibt. Es ist der Archetyp des Chaos selbst.
Das Leben ist also kein Spiel, sondern ein ernster und tragischer Kampf. Die Frage ist nicht, wie man glücklich wird, sondern wie man die Tragödie der Existenz mit Würde erträgt. Dies ist sein Erbe, wie er es in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Schopenhauer, 1818/1844) darstellte.
Der Wille: Wunsch und Unzufriedenheit
Schopenhauer argumentierte, dass der Mensch ein Sklave des Willens ist, einer blinden Kraft, die ihn zu endlosen Wünschen und schließlich zur Unzufriedenheit treibt.
Würde Schopenhauer heute leben, fände er den deutlichsten Beweis für seine Philosophie wahrscheinlich nicht nur in unserem digitalen Leben, sondern auch in unseren alltäglichen Gewohnheiten abseits des Internets. Zum Beispiel ist unsere Besessenheit vom Konsum, der Versuch, die existentielle Leere mit materiellen Gütern zu füllen, eine Form dieses endlosen „Ich will“. Auch das Bedürfnis, ein perfektes, idealisiertes Leben online zu präsentieren, führt zu einem andauernden Zustand der Unzufriedenheit.
Der Wille manifestiert sich jedoch auch auf andere Weise. Wir beobachten die ständige Suche nach der nächsten Unterhaltung, die übermäßige Arbeit, um uns produktiv zu fühlen, oder süchtig machende Verhaltensweisen. All diese Verhaltensweisen – ob online oder offline – sind Ausdruck derselben inneren Unruhe.
Denke darüber nach: Wann hast du das letzte Mal versucht, eine innere Leere mit einer äußeren Aktivität zu füllen?
Schopenhauers Philosophie lädt uns ein, diese Kraft in uns zu erkennen und, zumindest für einen Moment, den Kreislauf des Begehrens zu unterbrechen.
Die drei Säulen des Pessimismus
Schopenhauer hat uns nicht einfach in einer Welt des Chaos zurückgelassen. Er unterschied die verschiedenen Erscheinungsformen des Leidens, als würde er uns eine Karte geben, wie wir damit umgehen können.
Diese drei Aspekte des Pessimismus sind:
1. Der metaphysische Pessimismus: Das Universum schert sich nicht um dich. Es gibt keinen großen, wohlwollenden Plan. Die Natur ist gewalttätig, unerbittlich und gleichgültig. Diese Erkenntnis kann entweder erdrücken, oder du kannst sie als Sprungbrett nutzen, um deinen eigenen Sinn zu finden. Du kannst die Welt nicht verändern, aber du kannst dich selbst kontrollieren.
2. Der existentielle Pessimismus: Das Leben an sich hat keinen Sinn. Du wirst ihn in keinem Manifest und keiner Ideologie finden. Den Sinn musst du selbst schaffen. Das Einzige, was du hast, ist Verantwortung. Die Verantwortung, etwas zu erschaffen, Ordnung in eine chaotische Welt zu bringen und dein eigenes persönliches Monster zu bekämpfen.
3. Der ethische Pessimismus: Wir sind nicht gut. Die menschliche Natur wird von Fehlern, Egoismus und Arroganz angetrieben. Wer dir das Gegenteil sagt, versucht, dich zu täuschen. In Wahrheit müssen wir jeden Tag kämpfen, um unseren niederen Instinkten nicht zu erliegen. Wahre Moral ist kein gegebener Zustand, sondern ein harter, mühsamer Kampf.
Denke darüber nach: Welche dieser drei Wahrheiten findest du am schwierigsten zu akzeptieren?
Gegenargument und Suche nach Balance
Natürlich gibt es auch andere philosophische und psychologische Schulen, die eine andere Perspektive auf menschliches Glück einnehmen. Die positive Psychologie und die humanistische Psychologie betonen zum Beispiel die angeborenen Stärken des Menschen.
Schopenhauer würde diese Ansichten als Verleugnung der Realität des Leidens betrachten. Dennoch können sie als ergänzende Perspektive dienen. Die Verleugnung des Leidens wird es nicht verschwinden lassen, aber der Glaube an die Möglichkeit von Wachstum und Sinn kann die Resilienz stärken, wenn Tragödie eintritt.
Es geht nicht darum, die eine Ansicht gegen die andere auszuspielen, sondern zu erkennen, dass die Konfrontation mit der Realität, wie Schopenhauer sie beschreibt, die Grundlage für tiefere Stärke und Authentizität sein kann.
Die Kraft der Akzeptanz
Schopenhauers Philosophie mag auf den ersten Blick düster erscheinen, bietet jedoch eine tiefe Einsicht in die menschliche Existenz. Sie lädt uns ein, die Realität des Leidens und die unerbittliche Natur des Willens zu erkennen.
Doch genau in dieser Konfrontation verbirgt sich eine befreiende Kraft. Wie der Psychotherapeut Irvin Yalom in seinem Roman „Die Schopenhauer-Kur“ (Yalom, 2005) fiktiv erforschte, kann die Auseinandersetzung mit diesen existenziellen Wahrheiten der Ausgangspunkt für persönliches Wachstum sein.
Wahre Stärke liegt nicht in der Vermeidung des Leidens, sondern in dessen Akzeptanz als integralen Bestandteil der menschlichen Existenz. Schopenhauers geistige Übung fordert uns auf, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, unsere inneren „Monster“ zu bekämpfen und inmitten des Chaos Sinn zu finden – nicht trotz des Chaos, sondern gerade weil wir uns ihm stellen.

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